Wenn das Wirtschaftsministerium an der Haustür klingelt
April 2010. Ich entdecke die Seite www.kultur-kreativ-wirtschaft.de, die Webseite zur Initiative “Kultur- und Kreativwirtschaft” der Bundesregierung. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wieso? Nun weil ich vor langer Zeit - damals in weiser Vorausahnung - bereits die Domain www.kultur-und-kreativwirtschaft.de als Schnäppchen reservieren konnte und mir es nur zu klar war, dass die Regierung auf “Kultur-Kreativ-Wirtschaft” ausweichen musste, weil ich mich an der “echten” Stelle im Internet schon breitgemacht hatte. Mein Schmunzeln fand ich da nur gerecht, ich hatte die Kultur-und Kreativwirtschaft schon vor vier Jahren als Trendthema entdeckt, da beschäftigte man sich in Berlin noch mit anderen Dingen.
Aber ist ja schön, dass sich auch die Bundespolitik mal der Bedeutung des Themas bewusst wird. Also ich werde aktiv, gehe ins Impressum und suche mir die zuständige Person heraus und los geht die Email. Ich stelle mich vor, sage, dass ich in der Kultur- und Kreativwirtschaft sowohl wissenschaftlich als auch beruflich verwurzelt bin, frage, ob man vielleicht kooperieren will oder vielleicht an der Domain kultur-und-kreativwirtschaft.de interessiert ist. Lange Zeit passiert dann nichts. Ich hatte meinen Versuch eigentlich schon wieder abgehakt, doch dann kommt die Überraschung!
Frau Claudia Schmidt aus dem Referat für Öffentlichkeitsarbeit des Wirtschaftsministeriums meldet sich bei mir. “Die Möglichkeit zu einer Kooperation besteht leider nicht. Falls Sie die Domain verkaufen möchten, teilen Sie mir bitte Ihre Preisvorstellungen mit.” Preisvorstellungen? - besteht da vielleicht ein Kaufinteresse? Hmm, wieso eigentlich nicht. Da geht einem so einiges durch den Kopf, nach wieviel Geld darf man da fragen, muss man bescheiden sein oder nicht, werde ich vielleicht sogar reich? Google weiß ja alles. Also gebe ich Domainbewertung bei Google ein und schaue mal, was sich da so findet (Google’s Suchergebnisse). Auf Platz 1 der Suchergebnissliste findet sich die Datenbank “adressio.de“. Geht einfach: Domainnamen eingeben und schon erhält man einen hypothetischen Wert errechnet. Das mache ich, gebe “kultur-und-kreativwirtschaft.de” in die Verarbeitungsmaske hinein und werde auf eine neue Seite weitergeleitet. Dort steht: ”Der Domainname ist lang, die Domain hat eine unterdurchschnittliche sprachliche Bewertung, der Begriff ist unterdurchschnittlich bekannt: Wert € 68,- oder in Worten achtundsechzig Euro.” [Link zur automatischen Bewertungspage] Das war ein Schlag ins Gesicht für mich, jetzt habe ich mich jahrelang als Einzelkämpfer unter den Wirtschaftswissenschaftlern für Kultur und Kreativität eingesetzt und dann soll das nur ACHTUNDSECHZIG Euro wert sein? Das konnte ich nicht glauben.
Bloß nicht in Depressionen verfallen, sag ich da zu mir selbst! Denk, denk, denk … Dem Ministerium wird also erstmal ein Brief geschickt: “Bitte um etwas Geduld, ich muss mich mit dem Sachverhalt erstmal auseinandersetzen”, schreib ich da. Ohne Reaktion. Also gehts los, ich recherchiere, entwickle eigene Ansätze, spreche mit Leuten, hole mir eine Meinung ein und am Ende entsteht eine Summe, mit der ich meine ganze Leidenschaft verpacken wollte, die ich in dem Thema sehe: € 83.150,- . Dazu schreibe ich einen kleinen Brief und liefere dem Ministerium eine Erklärung für meinen Bewertungsansatz. [Originalfassung des Briefes] Der Brief geht auf die elektronische Reise. Wenige Stunden später kommt auch schon die Antwort: ”Sehr geehrter Herr Kohlmann, vielen Dank für Ihr Angebot. Von unserer Seite besteht kein Interesse am Kauf der Domain. Mit freundlichen Grüßen Claudia Schmidt.” Bupp, das war’s!
So viel Herzklopfen und Begeisterung für ein Thema und dann bekommt man noch nicht mal eine inhaltliche Reaktion. Das fand ich enttäuschend. Noch dazu, die Antwort war sachlich nicht korrekt: Wie kann man zuerst nach einem Preis fragen und dann sagen, man habe am Kauf überhaupt kein Interesse. Dann hätte ich mir die ganze Arbeit doch gar nicht machen brauchen. Was ist da los? Es kann doch nicht meine Bürgerpflicht sein, mein Eigentum an unseren Staat so einfach zu verschenken. Oder war man vielleicht nicht mehr an der Sache interessiert, weil ich versucht hatte, mit dem Ministerium ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen? Irgendwie hat man im Ministerium wohl immer noch nicht verstanden, was “Kultur- und Kreativwirtschaft” wirklich bedeutet. Hier entstehen Ideen, geistige Ergüsse, Unangenehmes wie Witziges, das soll herausfordern zur Kommunikation und zum Miteinander. Gleichzeitig werden hier aber auch Wirtschaftsleistungen erbracht, die nach einer Bezahlung verlangen. Ich dachte eigentlich, es ist gerade die Aufgabe des Ministeriums die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren. Wer geistige Leistungen und Produkte hervorbringt, muss auch davon leben können.
Na ja, sag ich mir da wieder. Denk, denk, denk … Geh einfach kreativ mit der Sache um und so ist die Idee für die Aktion “Spende für die Kultur- und Kreativwirtschaft”: www.kultur-und-kreativwirtschaft.de entstanden. Wer sich von dem Thema ebenso angesprochen fühlt wie ich, darf hier gerne mitkommentieren. Vielleicht findet sich ja auch der ein oder andere Sponsor, der dem Ministerium auf die Sprünge hilft, unser Staat muss ja jetzt sparen. Egal was kommt, ich bin gespannt.
Andreas
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