Ethik des Bloggens
Hier ein älterer Text, den ich durch Zufall wieder auf meinem Computer herausgekramt habe. Obwohl nicht mehr alles so aktuell ist, gefällt mir der immer noch sehr gut.
“ICH, WIR & DIE ANDEREN” hieß eine Konferenz, die anlässlich des Jahres der Geisteswissenschaften im ZKM stattfand, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Das Jahr der Geisteswissenschaften hatte ja viel zu bieten und manchmal hätte man sich zehnteilen können, um überall dabei zu sein. Diese Veranstaltung wollte ich mir aber auf keinen Fall entgehen lassen. “Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potentialen” las sich der Untertitel. Um es kurz zu machen: Die Veranstaltung war gut, die vielen Blogger konnten Live-Eindrücke vermitteln, wie diese deutsche Blogosphäre so aussieht. Jedoch fehlte mir an vielen Stellen zuweilen die kritische Distanz. Letzen Endes saß ich abends mit so einem Gefühl im Bauch, dass es mehr Fragen als Antworten gibt. Unter anderen beschäftigte mich die Frage, wie eine „Ethik des Bloggens“ aussehen könnte. Denn Haben Blogs wirklich ein neues demokratisches Potential oder sind sie einfach eine neue mediale Form des Stammtischs?
Hielten sich die Teilnehmer der ZKM-Konferenz, zumindest was Antworten betraf, wohl bedeckt, so hält der Veranstalter doch manches Kleinod bereit, das entdeckt werden möchte. In einer Pause konnte ich im Museumsshop das Buch “Ethik im Netz” von Rafael Capurro ergattern. Die nächsten Tage wollte ich eigenständig darin nach Antworten suchen. Nun hat sich besagter Autor auch nicht im Detail mit dem Bloggen auseinandergesetzt, jedoch starken Bezug auf die Freiheitsphilosophie Kants genommen, in der ich für diesen Zusammenhang eine große Bedeutung sehe. Für Kant ist die Freiheit der Gedanken unlösbar mit der Freiheit verbunden, seine eigenen Gedanken öffentlich mitzuteilen. Der tiefere Sinn dieser Aussage liegt in Kants Verständnis dieser Öffentlichkeit. Denn wie Capurro treffend formuliert: ” [ist] der Ursprung der “Gedanken” nicht im isolierten Denken, sondern im Gespräch zu suchen [...]. Will dieses Gespräch sich prinzipiell an jedermann richten, also universal sein, so muß es sich mitteilen lassen können, denn, was wir denken, ist immer das, was wir mit anderen denken und dies läßt sich nur in einem gemeinsamen Medium vollziehen.” (Capurro S. 176)
Ja man könnte sogar sagen, dass damit die Basis für einen kategorischen Imperativ der Meinungsmitteilung gelegt ist: Wenn du in der Öffentlichkeit bist, dann plappere nicht vor dich hin, sondern suche das Gespräch und die Vermittlung. Und Vermittlung bedeutet dabei auch: Argumentationen aus anderen Perspektiven sammeln und für einen Dialog öffnen. Wer immer sagt, was er denkt, ist in dieser Hinsicht kein freier Denker. Wer anderen die Meinung ins Gesicht sagt, sucht nicht den Austausch, sondern die Konfrontation. Auf diese Weise können Worte auch verletzen. In einem Streit ist schnell mehr gesagt, als man wollte. In solch einem Moment handeln wir nicht weise, sondern emotional.
Nun möchte weder Kant noch Capurro den Menschen das Menscheln verbieten. Denn beide erkennen und vollziehen die wichtige Unterscheidung zwischen privaten und öffentlichen Äußerungen. Letztere sollen den Austausch durch ein Medium suchen. Andersrum könnte man auch formulieren, wer sich über ein Medium mitteilt, steht in der Öffentlichkeit und sollte diese Regel beachten. Gerade Habermas hat diese vermittelnde Funktion der Sprache in seiner Theorie des kommunikativen Handels neu aufgegriffen und dafür den Begriff der idealen Kommunikationsgemeinschaft geprägt. Nun wird durch das Übertragen dieser Überlegungen auf das Bloggen eines klar: Der Autor eines Blogs sieht sich ständig einem Widerspruch ausgesetzt, der Gleichzeitigkeit von Privatheit und Öffentlichkeit. Der Sprachstil eines Blogs wird gerne mit der Atmosphäre eines Wohnzimmers verglichen. Hat der Soziologie Erwin Goffman festgestellt, dass wir in Gesellschaft alle Theater spielen, lassen uns Blogs einen Blick hinter die Bühne werfen, indem sie in Stil und Art ein Gefühl der Authentizität und Privatheit vermitteln. Eben direkt vom Sofa ins globale Netz. Gerade darin liegt die Herausforderung für den Jogginghosen-Philsophen. Denn ein freier Gedankengang setzt den Austausch, das Gespräch, heute sagen wir auch die face-to-face-Beziehung voraus. Die Blogging-Technologie hält dafür im Gegensatz zum Web1.0 neue Funktionen bereit. Kommentare, Tags oder auch die Blogroll wäre hier zu nennen. Formalästhetisch ist ein Blog in dieser Hinsicht ein Diskurs-Interface.
Sind die technologischen Bedingungen für den Austausch im Netz wohl gegeben, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Autor eines Blogs sich der Herausforderung von Privatheit und Austausch auch stellt und stellen kann. Diese Analyse kann nur hermeneutisch erfolgen. Literaturwissenschaftler mögen hier entscheiden, inwieweit es Bloggern gelingt, im Schreiben eine autonome Form zu finden, eine neue literarische Gattung zu prägen. Jede kulturelle Neuerung ist Opfer und Eroberung zugleich. Das Neue ist Kondensat einer offenen Reziprozität, einer permaneten Dialektik der Gabe und Gegengabe, die die basale Ungewissheit des Zuviel oder Zuwenig nicht verneint. Diese fundamentale Unsicherheit kann ebenso Gefahr wie auch Heilsbringung bedeuten. So verlangt eine Ethik des Bloggens den Mut. Für die Autoren bedeutet dies die Gefahr, dass die eigene Couch zu Freuds Sofa werden kann, für den Leser auf eine kommerzielle Strategie reinzufallen. Und für den Wissenschaftler: Den Mut, Neues zu erforschen.
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